Vernissage Ali Abbas Syed (Pakistan)

Metaphysische Stille und mystische Leidenschaft

 

«Tanzen ist nicht nur ein sorgenfreies Abheben, einem vom Winde verwehten Blatt gleich; Tanzen ist das Aufopfern des Herzens, das zwischen den Welten hängend gekreuzigt wird.» Rumi

 

Man erzählt sich, die Schöpfung bzw. Erschaffung diente dem persischen Dichter und Philosophen Rumi nicht der Zurschaustellung seiner eigenen Fähigkeiten, sondern vielmehr als ein Mittel zur Verbreitung von Ideen und dem Wachrütteln der Gemüter. Das zeugt nicht nur von hochgesteckter ethischer Norm, sondern auch von einem tiefgründigen und selbstlosen Bedürfnis, seine außergewöhnliche Gabe in den Dienst der Wahrheitssuche zu stellen. Es wäre schön, darstellende Künstler in einem ähnlichen Kontext zu betrachten. Ein Blick in die Kunstgeschichte zeigt nämlich, dass eine Vielzahl an Kunstschaffenden – zu unserem Glück – diesem Ruf gefolgt ist und nachfolgenden Generationen als Vorbild und Maßstab diente.

Die Aquarellkunst von Ali Abbas Syed, einem pakistanischen Künstler und Zeitgenossen, fällt in eben diese rühmenswerte Kategorie, in der das künstlerische Meisterwerk nach einem harmonischen Zusammenspiel von Seele, Herz und Geist trachtet. Die Unbefangenheit des Malers hüllt ihn, seine Poetik und seinen künstlerischen Fußabdruck in eine Aura von unstrittiger Authentizität.

Ali Abbas Syed gehört der hünenhaften und mannigfaltigen islamischen Kultur an, die der Menschheit ein Vermächtnis von unbeschreiblichem Reichtum hinterlassen hat: auf dem Gebiet der Literatur, Philosophie und Religion sowie wissenschaftlicher Grundlagenforschung. Eine einzigartige und unverkennbare Schönheit ihrer Künste, der Architektur, Musik, Kaligraphie und Miniaturmalerei gehört ebenso dazu. All diese Schätze haben auf der ganzen Welt zahlreiche Generationen bereichert und beflügelt. In Abbas’ Werken ist dieses Erbe auf eine sehr spezifische Art erkennbar – die sufistische Mystik zieht sich zwar fein, aber doch sichtlich erkennbar durch seine Arbeit und bietet sowohl Betrachtern als auch Analytikern die Möglichkeit, die mehrschichtigen, unendlichen Deutungsebenen zu analysieren, dem kein Ende gesetzt ist.

Die Schönheit dieser Aquarelle liegt im untypischen Gleichgewicht aller gestalterischen Elemente: der besonderen Farbwirkung, perfekten Linienführung, rhythmischen Komposition und dem Streben nach einer Ausgewogenheit des Verhältnisses zwischen freien Flächen und Figuren, zu der in erster Linie Menschen, gefolgt von Tieren, zählen. Die Präzision der Zeichnungen zeugt von geschickter Handführung, die – wandernd von einem Werk zum anderen – den Anschein einer ethnografischen Momentaufnahme vermittelt: einer nie enden wollendenden Abfolge von Alltagssituationen der Siddi, einer ethnischen Gruppe Pakistans, ihren Traditionen und Ritualen. Die Siddi stammen aus Indien und sind Vorfahren des Autors selbst. Jedes einzelne Werk strahlt eine besondere Stimmung aus: dabei vermitteln alle eine knisternde Atmosphäre, die erahnen lässt, dass die wahre Dramaturgie jedoch unter dem Deckmantel der vergleichsweise ruhigen, metaphysischen Oberfläche schlummert. Die Darbietung wird abgerundet vom widerhallenden Echo der melancholisch anmutenden Nay gepaart mit Trommelwirbel. Der Rhythmus steigert sich allmählich und versetzt die Tänzer in Ekstase, die den Weg zur mystischen Vereinigung mit dem Schöpfer ebnet. Die Handlung ist sehr intim, weshalb der Künstler einzelne Protagonisten durch kräftiges Kolorit hervorhebt, während er die anderen im grauen Nebelregen verschwinden lässt. Die Katharsis ist komplett.

Vesna Todorović, Kunstkritikerin

Belgrad, August 2015

Von Serbisch nach Deutsch Übersetzt:

Mag. Svjetlana Jestratijević

Vernissage Ali Abbes in der Galerie b11

 

 

 

 

 

 

 

Eröffnungsrede: Mag. Svjetlana Jestratijević
Musikalische Begleitung: Marko Govorčin & Alice Gerschpacher
Künstler ist an diesem Abend anwesend. Er ist Gewinner zahlreicher internationaler Auszeichnungen, u.a. einer Goldmedaille bei der 3. Internationalen Aquarell-Biennale in Caudete/Spanien und Belgrad/Serbien im Jahr 2014. 2016 gewann er den „Great Master World Watercolor Artist Award“ bei der Biennale in Thailand.